Autor: Anna Wittig

Genre: Biografie

Format: E-Book, Taschenbuch

 

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Hinweis: Die Autorin schreibt auch in der Sparte "Fantasy". Vielleicht ein interessanter Tipp. :-)

 

Klappentext:

 

1949 geboren, ein Nachkriegskind, das noch in den Ruinen spielte und die Notzeit kennenlernte. Das das Glück hatte mit weisen Frauen aufzuwachsen. Das lernte, dass Mama und Prügel das gleiche bedeuten. Das sich seine Freiheit erkämpfte, die Schule an den Nagel hängte, eine Ausbildung absolvierte, und sich entgegen aller Weisungen seine Freunde, Berühmte und nicht Berühmte, selbst aussuchte. Das Hippies liebte, in Berlin aktiv an den Studentenrevolten teilnahm. Eine junge Frau, die ihre große Liebe traf, sie an den Tod verlor, in der gleichen Nacht durch Gewalteinwirkung eine Fehlgeburt erlitt, nie mehr Kinder bekommen konnte. Ein Freund brachte sie schwer krank und suizidgefährdet nach Australien zu seinen Verwandten, weit weg vom Ort des Geschehens. Eine Aborigine-Heilerin und ein Rockstar verhalfen ihr zurück ins Leben. Viele Menschen weinten bisher mit ihr, weil sie nachvollziehen konnten, dass manche Wunden niemals völlig heilen.

Leseprobe:

 

1.  Prolog

 

"Schreib ein Buch, Anna." Ich schaue Nataraj an. Meinen indischen Freund aus alten Hippietagen. Meinen persönlichen Supervisor. Ich schaue ihn an, als hätte er den Verstand verloren, wäre von einem auf den anderen Augenblick zum dementen Schatten seiner selbst mutiert. "Ein Buch?", frage ich irritiert, "worüber denn?"

Nataraj lacht sein meckerndes Altmännerlachen. Er ist alt geworden, achtundachtzig schätze ich, und lebt seit langem sehr zurückgezogen. Ich betrachte es als Privileg, ihm weiterhin auf die Nerven gehen zu dürfen. Wobei ich oft bezweifle, dass er so etwas Profanes wie Nerven in seinem Körper beherbergt. Er ist mittlerweile so dünn wie ein Suppenspargel und so faltig wie ein Plisseerock. Ich setze mich ihm gegenüber auf ein Kissen. Im Schneidersitz. Er bevorzugt nach wie vor den originalen Lotossitz. Anscheinend hat er auch keine Gelenke. Zumindest keine, die bei einer solchen Verrenkung schmerzen. Ich spiele mit dem Peacezeichen, das an einer Kette um meinen Hals hängt. Nataraj bemerkt es und nickt. "Sieht so aus, als könnte die Welt das wieder brauchen."

"Sieht so aus", antworte ich, "als hätten wir es nie in der Schublade versenken dürfen."

Ich habe meinen Freund aus einem bestimmten Grund aufgesucht: An mich ist eine Frage herangetragen worden, auf die ich keine Antwort weiß. Wie wird man eine "spirituelle Lebensberaterin"? Es fiel mir auf, dass ich mir darüber nie Gedanken gemacht habe. Für mich ist diese Arbeit eine Bestimmung. Die logische Fortsetzung meiner unorthodoxen Lebensgeschichte.

"Die Frage dieser Frau ist berechtigt", belehrt mich Nataraj. "Wie wird man zu dem, was man ist? Geh deinen Lebensweg Schritt für Schritt zurück. Nimm ihn noch einmal genau unter die Lupe. Du wirst erkennen, dass er vorgezeichnet war. Die Spiritualität ist ein Teil von dir. Dazu trug vielerlei bei. Die Erziehung durch deine Großmütter, Menschen, denen du begegnetest, Gutes und Schlechtes, das dir widerfuhr. Hinzu kam dein Interesse an alten Religionen und Gesellschaftsstrukturen. Du hast Philosophie studiert und nach Antworten gesucht. Betrachte alles aus heutiger Sicht. Das wird dich zur Lösung führen."

Ich grüble über seinen Worten. "Wenn ich ein solches Buch schreiben würde", frage ich, "womit sollte ich, deiner Meinung nach, beginnen?" Und würde im selben Moment diesen Satz gerne wieder dorthin zurückstopfen, wo er herkam.

Schon zieht Nataraj die dichten, weißen Brauen hoch. Die Runzeln um seine Augen vertiefen sich zu kleinen Gräben. "Eine solche Frage aus deinem Mund, Kind? Womit fängt man wohl an? Mit dem Anfang natürlich, mit deiner Geburt. Beschreite nochmals alle Wege, die du gegangen bist. Auch, wenn es dich manches Mal schmerzen wird."

Er hebt segnend die Hände. Meine Audienz ist für dieses Mal beendet. »Ich denke darüber nach«, verspreche ich, verneige mich respektvoll vor ihm und ziehe leise die Tür hinter mir ins Schloss.

Ich soll fremden Menschen tiefe Einblicke in mein Leben gewähren? Oh, Nataraj. Das kann nicht dein Ernst sein. Ich führe von Anfang an ein Krisenleben, das wie ein Tornado über mich hinwegfegt. Mich an der einen Stelle aufsaugt und an einer anderen ausspuckt. Es kribbelt mich, wenn ich nur daran denke.

Ich brauche über ein Jahr und mehrere Sitzungen mit Nataraj, um mich mit diesem Gedanken anzufreunden.

 

 

2. Über mich

 

Ich arbeite als psychologische Beraterin und "spirituelle« Lehrerin". "Spirituell" heißt für mich eine persönliche, durch Erfahrung geprägte Weltsicht, eine mir eigene Philosophie, keinesfalls ein Abtauchen in religiösen oder pseudoreligiösen Nebel.

Im Gegenteil, ich bin sehr weltlich orientiert, hinterfrage kritisch, glaube, denke, sage und tue, was ich will. Nicht das, was andere von mir erwarten. Das habe ich mir längst abgewöhnt. "Meine Mädels" kommen mit Problemen zu mir, bei denen ich mit beiden Beinen fest in der Erde verankert sein muss. Die keinen Raum für Spielereien lassen.

Ich arbeite auch mit einer Frauengruppe, die es liebt, mit mir "herumzuspinnen". Beispielsweise über eine lebbarere Welt zu diskutieren. Wir verlieren uns dann in anarchistischen Utopien. Das klingt für Euch nach "Chaos"? Im Gegenteil, es geht um eine andere "Ordnung". Wir reden über menschliche Bedürfnisse, Lebensnotwendigkeiten und Freiheit, nur um festzustellen, dass "Mensch" zu kurz kommt. Reden über unsere Erde, über deren Bedürfnisse und stellen fest, dass "Erde" zu kurz kommt. Wir gelangen immer wieder zu dem gleichen Schluss: Etwas läuft falsch. Denn: Wir möchten in einer friedlichen Welt leben, in der die Natur respektiert wird. In der Liebe und Miteinander zum Alltag gehören. In der wir nicht an Einkommen, gesellschaftlichem Status, Herkunft oder Glauben gemessen werden.

Das bedeutet nicht "Gleichmacherei", wie mancher vermuten mag. Die gibt es nicht. Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig. In "unserer Welt" darf und soll er das auch sein. In erster Linie Mensch! Kein Schäfchen für eine Religion, kein Stimmvieh für eine Politik, kein Soldat für einen Krieg, kein Sklave einer menschenverachtenden Wirtschaft.

Utopie? Was ist nicht schon alles aus "Utopien" hervorgegangen? Leider hat man immer nur das weiterentwickelt, was der Erde und dem Menschen letztendlich schadete. Wir haben nur diesen einen Lebensraum. Wir sollten deshalb akzeptieren, dass unsere Welt keine Grenzen, keine Nationen, keine Rassen und keine Religionen kennt. "Das Land gehört nicht uns, wir gehören dem Land", lehrten die Kelten. Und außer ihnen auch andere Völker, an die wir uns nicht einmal mehr erinnerten, würden wir nicht nach ihren Hinterlassenschaften buddeln und ihre Gräber schänden.

Die Natur hat uns nicht geschaffen, dass wir sie zerstören, sondern damit wir sie bewahren, zum Wohle allen Lebens auf diesem Planeten. Wie also können wir Bücher verehren, in denen geschrieben steht, dass wir uns die Erde untertan machen sollen und somit alles, was darauf existiert?

Wie können wir Religionen zustimmen, die darauf beharren, dass das Weibliche dem Männlichen untertan ist? Ohne die Fähigkeit des Weiblichen die Frucht gedeihen zu lassen und sie ans Licht zu bringen, wären wir nicht vorhanden. Wie kommen die Vertreter dieser Religionen dazu, über Wert und Unwert fremder Kulturen zu urteilen? Jene auszumerzen, die lange vor ihrer Zeit diese Erde schon bevölkerten?

Ich schreibe über mein Leben nicht, weil ich es so außergewöhnlich interessant finde, dass jeder daran teilhaben muss. Würde ich das denken, hätte ich längst eine eigene Doku-Soap bei RTL2. Ich schreibe darüber, weil mir außergewöhnliche Menschen begegneten, manche bekannt, manche so unbekannt wie ich. Menschen, von denen mich die einen nur eine Stunde, die anderen eine Wegstrecke lang begleiteten. Alle beeindruckten mich oder formten mich auf ihre Art.

So ist es auch mit Orten, die ich besuchte oder Ereignissen, denen ich beiwohnte. Ich lernte Arme und Reiche unterschiedlichster Rassen, Nationen und Religionen kennen. Ich geriet nie in Versuchung, mich besser oder schlechter zu fühlen, als sie es waren. Ich habe gute und katastrophale Zeiten durchlebt. Habe gelacht, geliebt, geweint und gelitten, genau wie andere Menschen auch. Mein Motto ist stets das gleiche geblieben: ich war ich, ich bleibe ich, wollte und will nichts anderes sein. Auch wenn das oft bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen und sich blaue Flecken zu holen.

 

 

3. Großmütter

 

Ich wuchs in der Familie meiner Mutter auf. Anders als zu dieser Zeit üblich, lebten bei uns Mann und Frau in einer gleichberechtigten Partnerschaft. Sie kommunizierten nicht nur auf Augenhöhe miteinander: Die Frauen waren mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet, die oft die der Männer überstiegen. Wohl gemerkt nur in meiner Mutterlinie. Von meiner Vaterlinie weiß ich nicht viel, vermute aber, dass diese Oma ihre Familie ganz ordentlich unter ihrer Fuchtel hatte.

Hätte jemand meinen Großmüttern gesagt, dass sie eigentlich in einem »Matriarchat« lebten, hätten sie ihn ausgelacht. Sie bestanden darauf, dass sie nur den ihnen zustehenden Platz in Familie und Gesellschaft einnahmen und über Generationen hinweg gesammeltes "Frauenwissen" hüteten.

Meine Eltern ließen sich kurz nach meiner Geburt scheiden. Sie zeigten beide kein sonderliches Interesse an mir, da sie vorwiegend mit sich selbst und ihren neuen Partnern beschäftigt waren. Mein Großvater ersetzte mir liebevoll den Vater, verstarb aber viel zu früh, kurz vor meinem vierten Geburtstag. Ich blieb mit vier Frauen zurück: Urgroßmutter, Großmutter, zwei Großtanten. Sobald ich verständig genug war, klärten sie mich über die minderwertige Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft und die Missstände in Politik und Kirche auf.

Damals führte kein Weg an der christlichen Religion vorbei. Aus dem Grund waren wir alle getauft und konfirmiert. Meine Erziehung gestaltete sich jedoch völlig anders. Bevor Gott, Maria, das Jesuskindlein, die Engelchen und der Teufel sich in meinem kindlichen Verstand einnisten konnten, war er längst von keltischen und germanischen Gottheiten infiltriert. Unsere Ahnen behüteten mich, wenn ich mit den Geschöpfen der Göttin spielte, den Elfen, Zwergen und Feen. Klar wagte sich manchmal auch ein Troll in meine Nähe, aber den vertrieben die Frauen recht rasch mit Gehstöcken und Regenschirmen.

Meinen Großmüttern waren die monotheistischen Religionen allesamt suspekt. Von Paradies, Hölle und Sünde wollten sie gleich gar nichts wissen. Das Einzige, was zählte war der Glaube. Eine rein persönliche Angelegenheit. Sie verehrten die Göttin in ihrer Dreifaltigkeit: die Jungfrau im Frühling, die Mutter im Sommer, die alte Weise im Herbst und Winter. Sie offenbarte sich in der Natur. Die Frauen lehrten mich, dass der Mensch nicht ohne die Natur, die Natur aber sehr wohl ohne den Menschen auskommen kann.

Ich wuchs schon Mitte der 50er Jahre mit Ritualen auf, die sich erst in den 70ern und 80ern langsam wieder etablierten. Zu jener Zeit suchten die Menschen nach Alternativen zu den Staatsreligionen, strandeten aber meistens in einer esoterischen Nebelsuppe.

So weit ich mich in der Familiengeschichte zurücktasten kann, besuchten unsere Frauen und Männer immer die Schule und erlernten einen Beruf. Die "Hausfrau" als solche gab es nicht. Das konnte man sich finanziell nicht leisten und strebte es auch nicht an. Die Worte "Bücher" und "Weiterbildung" wurden großgeschrieben, egal, welche Ausbildung man durchlief. Bei uns war alles vertreten, von Putzfrauen bis zu ProfessorInnen. Alle saßen bei Familienfeten am in bunter Reihe am gleichen Tisch, weil es keine hierarchischen Unterscheidungen gab.

Ich habe einige Bücher zum Thema "Emanzipation" gelesen. Ich würde es manchen Autorinnen gönnen, sich mit meinen Großmütter auseinandersetzen zu müssen. Denen, die glauben darüber urteilen zu können, welche Frauen der "Unterschicht" oder der "Gruppe der Unterprivilegierten" zuzurechnen sind. Zu Letzteren zählen sie auch Altenpflegerinnen, Kindergärtnerinnen und Frisörinnen. Diesen Damen hätten meine Großmütter nachdrücklich davon abgeraten, weitere "Pamphlete" zu verbreiten. Wenn Akademikerinnen und andere "Eliteweibchen" sich erdreisten, Frauen in "Schichten" einzuteilen, wird die Frauenbewegung ad absurdum geführt. Es steht uns nicht zu, unsere Mitfrauen herabzuwürdigen. Sonst erweist sich die "Emanzipation" als Nullnummer.

Meine vier weisen Alten trichterten mir den Respekt vor der Natur in all ihren Erscheinungsformen ein. Ebenso den Abscheu vor Leuten, die aus reiner Macht- und Besitzgier Mensch und Natur ausbeuten. Ich lernte bereits in diesen jungen Jahren, dass es Dinge gab, die unverzichtbar waren: Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf (und natürlich Bücher, ein Gläschen Rotwein und Tabak). Alles andere war "Luxus", den man sich ab und an gönnen konnte, schließlich wurde auch er uns vom Göttlichen geschenkt. Aber: "Luxus" durfte genutzt jedoch nicht zum "Götzen" erhoben werden. Wahrscheinlich bin ich wegen dieser Erziehung niemals wohlhabend oder gar reich geworden, trotz bester Ausbildung.

Sie weihten mich in die "heiligen Mysterien der Frauen" ein, Geburt, Tod und Wiedergeburt. Mit ziemlicher Sicherheit würden sie sich im Grabe umdrehen, wenn sie von Männern hörten, die in Schwangerschaftskursen mithecheln. Undenkbar für sie Väter, die im Kreißsaal Videos von der Geburt der Sprösslinge drehen. "Geburt" war ausschließlich ein "Frauending".

Ich wuchs, unter Anleitung der Großmütter, zu einem charakterstarken Mädchen heran, das sich durch ein recht turbulentes Leben kämpfte. Das aber niemals aufgab oder seinen Prinzipien zuwiderhandelte. "Göttinnen, Götter und Ahnen" passten ein Leben lang darauf auf, dass mir nichts Schlimmeres passierte als das Leben selbst. Kam ich doch einmal in eine Situation, die ich alleine nicht bewältigen konnte, schickten sie mir Menschen, keine Engel, die mir im entscheidenden Augenblick zur Seite standen.

Ich liebte meine "Großmütter" und meinen Großvater abgöttisch und weiß, dass ihre Seelen über mich wachen, sofern sie nicht schon wiedergeboren sind.

 

4. Morgenmeditation

 

Dämmerung. Noch blinken vereinzelte Sterne am grauen Himmel. Die Sichel der zunehmenden Mondin verblasst bereits. Vier Frauen begleiten mich heute zur Morgenmeditation. Wir haben das Auto auf dem nahen Parkplatz abgestellt und nehmen den Fußweg, der uns zum Weiher führt. Es ist still. Wir treffen weder auf die Hundebesitzer noch auf die Reiter, die sonst ihre Tiere hier ausführen.

Ein leichter Wind kräuselt das dunkle, stille Gewässer. Er streicht sacht durch die Gräser am Ufer. Die Krone eines umgestürzten Baumstammes ruht im Wasser, das mächtige Wurzelwerk auf dem Pfad. Tief in seinem Inneren leben die Feen. Wir haben ihnen Haferplätzchen und ein Schälchen Milch mitgebracht, die wir am Fuß ihrer Behausung hinterlassen. In dieser Umgebung an Feen und Elfen zu glauben fällt nicht schwer, auf jeden Fall leichter als der Glaube an Engelein und Teufelchen.

Während wir den Weiher umrunden, begrüßen wir die Bäume, Eichen und Birken, alte Freunde. Ein Wispern dringt aus ihren Zweigen. Nur der Wind oder doch ihr freundlicher Willkommensgruß? Wir lassen uns an unserem Stammplatz nieder. Irgendwo stimmt ein Vogel sein verschlafenes Lied an.

Wir richten unsere Augen nach Osten, wo uns die schwache Morgenröte verrät, dass die Ankunft des Sonnenkönigs naht. Als die ersten Strahlen uns erreichen, schließen wir die Augen und begrüßen den neuen Tag. Vor allem freuen wir uns auf die Wärme, denn hier am Wasser unter den Bäumen ist es kühl.

Wir nehmen Helligkeit und Wärme in uns auf, die sich an unserem Scheitelpunkt sammeln. Von dort gleiten sie durch unsere Körper, bis sie durch die Zehenspitzen in die Erde dringen. Wir spenden der Erdmutter die männliche, helle Energie, die für Kreativität und Inspiration steht. Wir leeren unsere Lungen, ziehen mit dem erneuten Einatmen die Kraft der weiblichen, dunklen Energie ein, die uns Sanftheit, Ruhe und Entspannung bringt. Noch ein paar genussvolle Atemzüge, dann öffnen wir unsere Augen wieder. Wir haben einen Bogen zwischen Himmel und Erde gespannt und uns mit ihm verbunden. Jemand, der das noch nie erlebt hat, wird das vielleicht für esoterisches Geschwafel halten. Ich meditiere seit vierzig Jahren, nenne es "Wellness für die Seele", und meine Mädels stimmen mir zu.

Inzwischen ist es ganz hell auf unserer Lichtung. Das Wäldchen ist zum Leben erwacht. Vögel singen, Hunde bellen, das Hufgetrappel eines Pferdes ist zu hören und über uns turnt ein Eichhörnchen durchs Geäst.

Ich schaue in die Runde und sehe lächelnde, zufriedene Gesichter. Die Frauen recken und strecken sich. Laura packt unser Frühstück aus, eine Thermoskanne mit Kaffee und belegte Brötchen. Den ersten Schluck aus meinem Becher bekommt die Erde, und als wir uns verabschieden, lassen wir einen Apfel zurück, als Dank an Mutter Natur.

 

 

5. Harte Lehrjahre bei Mama

 

Nach einer unbeschwerten Zeit bei den Großmüttern erinnerte sich meine Mutter daran, dass sie neben den beiden Kindern aus zweiter Ehe, zusätzlich eine Tochter aus erster Ehe hatte. Es hagelte von Seiten der Großmütter lautstarke Proteste, als sie mich zu sich holen wollte. Ohne Rücksicht darauf zu nehmen, gliederte sie mich in ihre Familie ein, mit dem Ziel mich, das "verzogene" Gör, auf Kurs zu bringen. Obendrein winkte da noch die nicht unerhebliche monatliche Unterhaltsleistung meines Vaters. Ein lohnender Anreiz für die Zwangsintegration.

Mama nahm die Emanzipation vorweg und patriarchalisierte sich. Das heißt, sie beherrschte mit Jähzorn und Aggression Mann, Kinder, Schüler und Lehrerkollegen. Ich sah mich mit einem Schlag mit Dingen konfrontiert, die ich vorher nur vom Hörensagen kannte: Kindergottesdienst, Prügel, Hausarbeit und Babygeschrei. Kaum Zeit für Hausaufgaben, kein eigener Platz mehr für mich. Und vor allem: Keine Liebe, keine Geborgenheit.

Meine Mutter war ein Produkt ihrer Zeit: Bund deutscher Mädchen und einen Kopf voller brauner Suppe, Schutz und Schulbildung bis zum Abitur in einem katholischen Klosterinternat über die Kriegsjahre hinweg. Eine Mischung aus der nichts Vernünftiges entstehen konnte. Sie verinnerlichte die Erziehungsmethoden von Johanna Harrer, einer Ärztin und glühenden Hitler-Verehrerin, unter denen nicht nur Harrers eigene Kinder litten. Man schurigelte uns nach diesen Methoden bis in die späten 60er Jahre hinein. Wären meine Großmütter dieser Teufelin habhaft geworden, sie hätten sie mit dem Teppichklopfer außer Landes gejagt.

Obwohl ich mit Hausarbeiten und Kinderbetreuung alle Hände voll zu tun hatte, hielt ich in der Schule meinen Notendurchschnitt von 1,5 aufrecht. Der Grund, weshalb ich mich nach Beendigung der vierten Klasse in einem "Lyzeum für höhere Töchter" wiederfand. Mein biologischer Erzeuger wurde tüchtig zur Kasse gebeten. Zusätzlich zum Unterhalt fielen jetzt die Zahlung des monatlichen Schulgeldes und teurer Schulbücher an. Andere überflüssige Nebensächlichkeiten kamen hinzu. Mama verstand sich in diesem Fall aufs Schröpfen.

Ich war das Opfer der gehässigen Spielchen, die zwischen "Mama und Papa" abliefen. Da ich mit dem Lebensstil meiner Mitschülerinnen nicht mithalten konnte, wurde ich von Beginn an zur Außenseiterin, trotz "Akademiker-Eltern". Ich lebte im Haushalt meines Stiefvaters, einem gewöhnlichen Arbeiter. In der bescheidenen Wohnung gab es keinen Platz für ein zweites Kinderzimmer. Ich konnte niemanden zu mir einladen und daher auch keine Einladungen annehmen. Ich bekam kein Taschengeld wie die anderen Mädchen, ging nicht zum Tennis oder Reiten und verfügte auch sonst über keinen Wohlstandsschnickschnack.

LehrerInnen und Mitschülerinnen ließen mich die nächsten sechs Jahre spüren, dass ich "unterprivilegiert" war. Ungeachtet der Tatsache, dass ich keinen Wert auf das Prädikat "privilegiert legte. Die Mädchen verachteten mich, weil ich nichts hatte, um mich "aufzupupsen". Ich verachtete umgekehrt sie ob ihrer Angeberei und Oberflächlichkeit.

Die Religionslehrerin nannte mich "respektlos und gotteslästerlich", da ich sie mit intelligenten Fragen zu Bibelinhalten in Verlegenheit brachte. In allen anderen Fächern purzelten meine Noten ebenfalls kellerwärts. Selbst im Deutschunterricht, den ich normalerweise heiß und innig liebte, ließen meine Leistungen nach. Für Oberstudienrätin Dr. Wacker schrieb ich zu "kreative und phantasievolle" Aufsätze. Des Weiteren weigerte ich mich Gedichte wie "Die Meise" von Werner Bergengruen auswendig zu lernen, da ich es für langweilige Zeitverschwendung hielt.

Mit fünfzehn bestand ich die Mittlere-Reife-Prüfung. Mit einem, zugegebenermaßen, miserablen Zeugnis. Es war mir egal, da ich nicht die Absicht hatte, je wieder einen Fuß in diese Schule zu setzen. Meine Mutter empfand das als renitent und verprügelte mich, ohne Erfolg, mit Stiefpapas Ledergürtel. Eine Unterredung mit meinem Vater nützte ihr ebenfalls nichts. Vielmehr unterstützte er meinen Drang nach Befreiung von den schulischen Fesseln. Nicht mir, sondern seinem Konto zuliebe. Ich entschloss mich zu einer Ausbildung in der Hotellerie, weil diese die einzige Möglichkeit bot, der familiären Knechtschaft frühzeitig zu entkommen.

Ich fühle mich meinen Großmüttern gegenüber noch heute zu Dank verpflichtet. Ohne ihre weise Einführung ins Leben hätten mir Mutter, Schule und Kirchensklaven das Rückgrat, wenn nicht gänzlich gebrochen, so doch zumindest stark verbogen.

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